Samstag, 1. Oktober 2011

Rezension (91) Schattenblüte - Die Verborgenen


Nora Melling
Schattenblüte 

– Die Verborgenen
Verlag: Rowohlt Polaris
ISBN 978-3-86252-000-8
Flexcover
352 Seiten
14,95 €









Nichts ist mehr so für Luisa wie es war, als ihr kleiner Bruder noch lebte. Ihre Eltern verlassen die Heimat, Hamburg, und ziehen nach Berlin. Ein Neuanfang für die Familie!? Jeder von ihnen nimmt die Trauer mit, nicht verarbeitet, verpackt und behütet im Inneren der Eltern und Luisa. Doch diese findet keinen Halt bei ihren Eltern, der Boden ist ihr unter den Füßen weggerissen worden. Alles, was an Fabian erinnert, wurde vernichtet, nur sein Grab ist in Hamburg geblieben. Luisa findet so gut wie keinen Anschluss in ihrer neuen Schule, denn zum einen schwänzt sie sehr oft den Unterricht, sehr zum Unmut ihrer Eltern.
Mit „Die Verborgenen“ ist der erste Band der Fantasiereihe „Schattenblüte“ von Nora Melling erschienen, gleichzeitig auch ihr Debütroman.
Luisa, ein junges Mädchen aus der heutigen Zeit, deren Lebensweg – und art Nora Melling für sich als roten Leitfaden aufgenommen hat und ihre Fantasiefäden wie ein feines Netz darum gewoben hat.
Luisa ist auf der Suche und sieht für sich selbst nur den einzigen Weg, dem allen zu entfliehen. Das Abnormale, ihre Essstörung, das gespannte Verhältnis, ihre Sehnsucht und Trauer um ihren verstorbenen Bruder, die Stille des Grunewalds, so sie ihre Ruhe sucht, ihre Gedanken schweifen immer mehr  in das „… was wäre wenn ….“ Doch sie ahnt nicht, dass sie auf ihren Wegen beobachtet wird.
An ihrem 17. Geburtstag beschließt Luisa, dass sie diesen ganzen Schmerz nicht mehr aushalten will und kann und steigt auf den Grunewaldturm. Doch im allerletzten Moment, nur einem Schritt von ihrem Ende entfernt, rettet ein geheimnisvoller Junge sie. Mit einer geradezu enormen Wortflut über den Schmerz, den Verlust des Bruders bringt die Autorin den Leser auf den Weg  - den roten Faden – zu den Verborgenen.
Thursen und Luisa, der Leser möge den Gedanken gleich am Anfang verwerfen, ihm würde hier eine ganz normale Fantasiegeschichte mit viel Romantik geboten werden. Sicherlich auch, aber das Buch bietet viel mehr als das, denn es geht hier um wahre Realität, die Trauer, Gefühle der Verlassenheit, die Verarbeitung von Schmerzen, Verlust, aber auch um Hoffnung, um eine Zukunft, die man nicht aus den Augen verlieren sollte.
Was verbindet Thursen und Luisa? Der eine rettet den anderen, auf das er nicht den Weg beschreitet und zu dem wird, was er fast ist – ein Werwolf. Ich betone „fast“!
Es sei hinzugefügt gesagt, wer meint, die ganze Thematik geht nur in Richtung eines Werwolfromans, sollte das Buch lesen und sich dann eine eigene Meinung bilden. Denn „Die Verborgenen“ bieten mehr, auch wenn es zunächst den Anschein hat, es ist alles nur dunkel und düster, einfach nur traurig. Depressionen läst es aber keine aus, jedenfalls nicht bei mir. Es ist mitten aus dem Leben gegriffen, und macht schon nachdenklich, vor allem vor dem sehr klar beschriebenen Hintergrund.
Die beiden Charaktere Thursen und Luisa sind sehr genau und prägnant geschrieben. Das Einbringen aus dem heutigen Sprachkleid mit eigenen Wortumschreibungen der Autorin finde ich erwähnenswert.
Geschrieben aus der Ich-Perspektive von Luisa, einem jungen 17-jährigen Mädchen aus Berlin, ist „Die Verborgenen – Schattenblüte“ ein wahrhaft besonderes Buch.
Es bleibt nicht aus, dass sich Luisa an einen Strohhalm klammert, nachdem Thursen sie vor dem letzten, endgültigen Schritt bewahrt. Das junge Mädchen trifft die Entscheidung, ihn wieder zu treffen, ihn zu begleiten. Immer wieder kehrt sie zu dem „Rudel Werwölfe“ in den Grunewald zurück. Einige von ihnen sind endgültig Wölfe, einige verwandeln sich zeitweise noch in Menschen, dann wieder in Wölfe. Noch kann Thursen sich in einen Menschen verwandeln, doch nicht mehr lange.
Wer ist Thursen und woher kommt er? Was war der Grund für ihn, sich hierher zurückzuziehen und Schritt für Schritt den Weg vom Menschen in einen Werwolf zu gehen?
Luisa begibt sich auf die Suche nach Thursens wahrer Identität – nach etlichem Zögern von Thursen begleitet dieser sie. Sehr zum Ärger einiger aus dem „Rudel“. Und sie erleben einiges miteinander, Gutes und Böses.
Besonders hervorheben möchte ich den Abschnitt, in dem Thursen für Luisas kleinen Bruder einen Baum kennzeichnet als Luisas Trauerbaum, eine Hilfe zur Trauerbewältigung.
Die Zeit scheint Luisa wegzurennen, um Thursen zu retten, wieder Mensch zu sein. Thursens Schicksal, alles aus seiner Zeit zu vergessen, dann ist er endgültig ein Wolf. Für ihn gäbe es keinen Weg mehr zurück.
Die ganze Handlung wird etwas aufgelockert durch Luisas Nachbarin Anja und ihren beiden kleinen Kindern, vor allem durch Lotti. Dass diese zum Ende der Geschichte eine tragende Rolle spielt, sei nur kurz erwähnt.
Nora Melling hat einige wichtige Themen der heutigen Zeit, nicht nur der Jugendlichen, in ihrem Roman mit eingearbeitet. Wer genau hinschaut bzw. liest, sieht die Sensibilität z. B. der Thematik Mobbing (gibt es sehr stark auch bei den Erwachsenen) oder auch die familiären Problematiken, wie z. B. hier aufgeführt Luisas Essstörung.
Die Kraft und Stärke, die Luisa durch ihren inneren Faden, ihre Seelenbeziehung zu Thursen, schöpft, dann wiederum ihre andere Seite, zickig, motzig, rebellisch, die Charaktere Luisa möchte man dann und wann nicht mögen. Doch waren wir nicht alle einmal pubertierende Jugendliche?!
Mit sehr viel Fingerspitzengefühl und gut gewählten Worten hat die Autorin die Thematik Selbstmord/-gedanken behandelt.
Leider ist es heutzutage an der Tagesordnung, vor vielem wegzuschauen, die einfachsten Hilferufe, die schon durch einen Gesichtsausdruck gesagt werden können, werden nicht wahrgenommen!
Fazit:
Ein von den ersten Seiten an sehr spannend und interessant geschriebenes Buch. Nora Melling hat die Werwölfe in ein anderes Licht gesetzt – besser beschrieben als in manch anderen vor mir gelesenen Büchern bezgl. Werwölfe.
Der Schreibstil der Autorin ist gradlinig, ohne zuviel Drumherum und ihre Beschreibungen produzieren ein laufendes Kopfkino, eben einfach fesselnd, nicht langatmig. Man spürt zwischen den Zeilen das gewisse „Etwas“, schwer es in Worte zu fassen und hier herüber zu bringen. Vielleicht weiß der eine oder andere ja hiermit etwas anzufangen, was ich meine.
Wie oft mag Nora Melling mit der U-Bahn oder S-Bahn durch Berlin gefahren sein?
Wie viele Spaziergänge im Grunewald – bei welchem Wetter auch immer?!
„Schattenblüte – Die Verborgenen“ vergisst man nicht so schnell. Ein Nachhall bleibt, aber im positiven Sinn.
Ich kann dieses All-Age-Buch sehr empfehlen und warte gespannt auf die Fortsetzung.
TOP DEBÜT – NORA MELLING !!!

„Genieße jeden Augenblick deines Lebens.
Es gibt immer Höhen und Tiefen –
die dunklen Tage und die hellen Tage –
doch es gibt immer ein helles Licht in der Zukunft.
 (©verfasst von der Rezensentin)

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
Ich vergebe 5 Bucheulen.

Kommentare :

  1. Da ist ja deine Rezi :-) Dein Gedicht am Ende gefällt mir besonders gut!!
    LG und schönes WE.
    Damaris

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  2. Hallo liebe Hanne!

    Wie ich sehe, hast du bei dieser Buchbesprechung auch nicht aufhören können und musstest alles hineinbekommen (meine ist ja auch so lang ;-)).

    Hast du schön geschrieben und es wirklich so, dass man dieses Buch nicht so schnell vergisst (natürlich im positiven Sinn) und dass es noch lange nachwirkt.

    Depressionen habe ich auch keine bekommen, allerdings weiß ich nicht, wie Menschen mit schlimmen Depressionen auf dieses Buch reagieren (ich hatte heuer schon einen Selbstmord im Bekanntenkreis zu "verzeichnen" *heul*, deshalb beschäftigt mich dieses Thema manchmal).

    Freust du dich auch schon auf den 2. Band?

    Liebe Grüße,
    Sabine

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  3. @ Damaris - ja hier ist sie endlich. In der Woche ist es manchmal schwierig mich auf Dinge zu konzentrieren und dann Rezis zu schreiben. Danke, dass dir mein Gedicht am Ende gefällt. Ab und an habe ich diese "Ader", allerdings habe ich in meinem Kinderbuch auch etliches an eigenen Gedichten reingepackt.
    @Sabine: Jepp, auch bei dieser Rezension, wie auch der bei dem Buch von Susanne Gerdom, mußte ich an mich halten, sonst wäre es ins Unendliche gegangen. Dieses Buch ist ein sehr empfehlenswertes Buch und das mit dem Selbstmord im Bekanntenkreis "shit", das kommt mir so bekannt vor, so wie du das jetzt geschrieben hast, erinnere ich mich daran, dass nach meinem Österreich-Urlaub 1986 mit den Kindern im Herbst jemand ....... grrrrrr
    Ich kann kaum abwarten, dass Band 2 auf den Markt kommt.
    Lass dir liebe Grüße da und genieße das Wochenende. Wir haben ja am Montag auch noch frei.
    LG HANNE

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