Sonntag, 15. Januar 2012

Rezension (127) Magdalenas Blau - Das Leben einer blinden Gärtnerin

Ulla Lachauer
Magdalenas Blau
Das Leben einer blinden Gärtnerin
Verlag: Rowohlt
Hardcover
352 Seiten
ISBN: 978-3-498-03936-3
19,95 €
Der Verlag schreibt:
«Mach nichts kaputt, Magdalena!», rief es aus dem Fenster. Ich musste immer damit rechnen, dass mich jemand von da oben beobachtete. Dabei bewegte ich mich im Garten ganz, ganz vorsichtig. Ich roch an den Blüten, fasste sie an. Besonders liebte ich dieses Zarte, Seidige vom Mohn. An einem Frühsommertag hab ich angefangen, Grünzeug zu essen. Begonien-Blüten mochte ich unheimlich gern, weil die so schön sauer waren. Das war, was ich mir holen konnte, alles andere wurde mir zugeteilt. Oft hab ich mich mit Blumen geschmückt, dieses Gefühl auf der Haut, das war das Größte. In gewisser Weise bin ich wie eine Wilde aufgewachsen. Einmal hab ich Dodo, meine Puppe, in den Hortensientopf auf der Terrasse eingepflanzt, damit sie so groß wird wie die meiner Cousine. Ich dachte, sie
wächst, wenn sie im Regen steht. Und dann ist der Kopf aus Pappmaché aufgeweicht.
Taubenblau,
Enzianblau,
Tintenblau –
mit vier Jahren kennt Magdalena Eglin viele verschiedene Blaus. Ihr Großvater, ein Freiburger Malermeister, lässt sie in seine Farbtöpfe gucken und lehrt sie, ihre von Geburt an schwachen Augen gut zu nutzen.
Ein dunkelhaariges, wildes Mädchen, geboren 1933, einige Tage vor Hitlers Machtergreifung, das früh lernt, sich in der Welt zu orientieren. Voller Phantasie und Spielfreude und manchmal fürchterlich einsam. Bei Schneeballschlachten mittun, von Straßenbahnen abspringen, sie kann vieles, sogar lesen, mit dem linken Auge direkt auf dem Papier. Magdalena hört die fernsten Bomber, mit Hilfe von Ohren und Nase und Händen findet sie aus dem brennenden Freiburg heraus. 1945, mit zwölf Jahren, ist sie selbständig: Sie hütet Schweine bei Verwandten auf dem Lande.
Im Laufe der Jahre wird sie völlig erblinden. Sie wird eine begeisterte Gärtnerin und findet an der Seite eines Dorfschullehrers ihr Glück. Magdalena Eglin erzählt unsentimental, witzig und poetisch von ihrem Leben als Außenseiterin – und damit auch etwas über die Welt der Sehenden. Ulla Lachauer gab mit ihrem Buch «Paradiesstraße» der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit eine Stimme – und wurde zur Bestsellerautorin. Jetzt erzählt sie erneut die Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens.
Statement:
Am Ende ist immer ein Anfang.
Und so beginnt meine Rezension mit dem Nachwort der Magdalena Weingartner (Eglin), die in unendlichen Interviews der Autorin Ulla Lachauer Rede und Antwort stand, ihr bisheriges Leben erzählte.
Drei Worte, die die Mutter Magdalena in jungen Jahren mit auf den Weg gab: „Sag schön danke!“
Drei Wörter, die ich gern am Schluss meiner Rezension wiederholen möchte.
Danke für ein außergewöhnliches Buch, einer Biografie über das Leben der 1933 mit einer schweren Sehbehinderung zur Welt gekommene Magdalena handelt.
Danke an Magdalena, die in einem Zeitraum von gut eineinhalb Jahren der Autorin, zusammen mit Magdalenas Mann und dem Sohn ihr Leben offen legte.
Danke an die Autorin Ulla Lachauer für das Schreiben einer außergewöhnlichen Biografie, die uns Sehenden mehr als einmal zum Nachdenken bringt.
Das Leben der blinden Gärtnerin Magdalena beginnt in Freiburg. Sie hat es mit den Augen, heißt es. Doch trotz zweier Operationen behält sie nur noch auf dem linken Auge eine minimale Sehkraft, während das rechte Auge blind ist. Die Kleine lässt sich jedoch nicht unterkriegen und findet ihre Liebe im Garten, bei den Pflanzen und Blumen. Durch den Ausfall ihrer Sehkraft verlagern sich ihre Sinne, ihre Eigenschaften. Ihr Hörsinn ist sehr ausgeprägt, ebenso der Geruchsinn. Während eines Bombenangriffs auf Freiburg wird sie verschüttet, und dank ihrer Sinne kann sie sich selbst retten. Die Farbe Blau begleitet sie seit ihrer Kindheit. Der Großvater, ein Freiburger Malermeister, schärft ihren Blick der verbliebenen Sehkraft. Lesen kann sie nur, wenn sie das Papier dicht ans Auge hält. Doch im Laufe der Jahre wird auch der Rest der Sehkraft verschwinden.
Und so geht es detailliert weiter im Leben der Magdalena. Ihre Biografie wurde aufgezeichnet, als sie sich dem achtzigsten Lebensjahr nähert. Sie erzählt über ihre Ehe mit Konrad, den gemeinsamen Entschluss zu einem Kind zu tragen. Denn so heißt es in der Biografie: Magdalenas Blindheit ist erblich. Ihr Glaube und die Liebe haben ihnen geholfen, durch das Tal der Ängste, der Höhen und Tiefen zu gehen.
„Magdalenas Blau – Das Leben einer blinden Gärtnerin“ ist ein beeindruckendes Buch, eine Biografie, die auch die damaligen Lebensumstände, die Diskriminierung Behinderter aufzeigt, hier eben aus der Sicht einer Blinden.
Magdalena Weingartner (geb. Eglin) ist ein Pseudonym, wie im Nachwort der Autorin Ulla Lachauer zu lesen ist.
„Sag schön danke!“ – Urton Magdalena.
Ich möchte Danke sagen an alle, die hierzu beigetragen haben, dass das Buch seinen Platz in der Buchwelt gefunden hat und wünsche mir hierfür viele Leser.
Absolute Leseempfehlung.
Ich vergebe 6 Bucheulen

Über die Autorin: (Verlagsinfo)
Ulla Lachauer, geboren 1951 in Ahlen/Westfalen, lebt in Stuttgart. Sie arbeitet als freie Journalistin und Dokumentarfilmerin. Buchveröffentlichungen: Die Brücke von Tilsit (1994), Paradiesstraße (1996), Ostpreußische Lebensläufe (1998), Ritas Leute (2002), Der Akazienkavalier (2008), alle bei Rowohlt.
(erhalten 1. 12. 2011 – gelesen 2012)

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