Ich freue mich, dass die Autorin Christiane Lind einen Gastbeitrag zum Internationalen Frauentag für meinen Blog geschrieben hat. ♥-lichen Dank Chris
Die
Frau in der Gesellschaft
Frauen machen die Hälfte der
Weltbevölkerung aus, leisten fast zwei Drittel der Arbeitsstunden, verdienen
ein Zehntel des Welteinkommens und besitzen weniger als ein Hundertstel des
Weltvermögens. (UN/ILO-Statistik während der Dekade der Frau 1975-1985)
Hanne hat mich
gefragt, ob ich etwas über „Die Frau in der Gesellschaft“ schreiben möchte.
Weil das Thema mich und mein Schreiben begleitet, habe ich sofort begeistert
zugesagt … und bin dann erst einmal von der Fülle dessen, was ich schreiben
könnte, erschlagen worden. Sollte ich die Situation von Frauen in der Arbeit,
in der Politik oder in der Familie in den Mittelpunkt stellen? Oder sollte ich
auf Rollenbilder eingehen, darauf, dass Barbie noch immer blond und mager ist
und bei GNTM und dem Bachelor erwachsene Frauen nur „Mädels“ genannt werden?
Oder sollte ich darüber schreiben, dass Frauen bei Literaturpreisen und in
Rezensionen des Feuilletons immer noch deutlich unterrepräsentiert sind? Dass
Autorinnen per se (oder per Geschlecht) als Expertinnen für Liebesromane
gelten, während Männer über alles schreiben können oder dürfen.
Mag das
überhaupt noch jemand lesen? Wäre es nicht besser, nach vorne zu schauen oder
auch einmal die Erfolge von Frauen zu betrachten, all die Veränderungen, die
für uns selbstverständlich sind, aber noch vor 30. 40 oder 50 Jahren undenkbar
gewesen wären, wie eine Frau als Bundeskanzlerin?
Schließlich habe
ich mich entschieden, einfach ein paar Schlaglichter zu setzen, um „die Frau in
der Gesellschaft“ zu beleuchten.
Fangen wir an
mit dem 8. März, dem Internationalen Frauentag. 1910 setzte sich Clara Zetkin
auf dem 2. Kongress der Sozialistischen Internationale 1910 in Kopenhagen dafür
ein, dass es einen jährlichen internationalen Frauentag geben sollte. Ein Jahr
später, am 19. März 1911, wurde dies in Dänemark, Deutschland,
Österreich-Ungarn und der Schweiz in die Tat umgesetzt. Zentrale Forderungen
waren die nach dem Frauenwahlrecht und nach Verbesserungen für Arbeiterinnen.
Erst 1921 wurde der 8. März als festes Datum festgelegt. Warum gerade der 8.
März? Einmal heißt es, dieses Datum soll an den Streik von Textilarbeiterinnen
in New York in den Jahren 1857 und 1908 erinnern; andere Stimmen verweisen auf
den Textilarbeiterinnen-Streik in Petersburg im Jahr 1917. Was auch immer der
Grund für die Festlegung des Datums war, seitdem findet der Internationale
Frauentag am 8. März statt – als Tag der Forderung nach Gleichberechtigung.
Die Forderung
nach Wahlrecht stand von Beginn an auf der Agenda des Internationalen
Frauentags. 1918 war es in Deutschland endlich soweit. Am 12. November dieses
Jahres wurde in der Weimarer Verfassung das Wahlrecht für Männer und Frauen ab
dem 20. Lebensjahr gesetzlich verankert. Im Januar 1919 durften Frauen erstmals
wählen und gewählt werden. 37 weibliche Abgeordnete zogen ins Parlament ein; 82
% der wahlberechtigten Frauen hatten ihre Stimme abgegeben.
Als erste Frau
in der Weimarer Nationalversammlung spricht am 19. Februar 1919 die Sozialdemokratin
Marie Juchacz aus Berlin: "Ich möchte hier feststellen ..., dass wir
deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank
schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine
Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu
Unrecht vorenthalten worden ist." (Quelle: Landeszentrale für politische
Bildung Baden-Württemberg. https://www.lpb-bw.de/12_november.html)
1949 gelang es,
die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz der Bundesrepublik
Deutschland zu verankern. Elisabeth Selbert brachte den Antrag auf einen
Gleichberechtigungsgrundsatz ein, der die Gleichstellung der Frau auf allen
Rechtsgebieten erreichen sollte. Es setzte sich jedoch der bestehende Vorschlag
der CDU/CSU-Fraktion durch, der staatsbürgerliche Gleichheit (keine
Gleichberechtigung) sowie ein Benachteiligungsverbot enthielt. Das führte zu
einer Vielzahl von Eingaben von
Frauenorganisationen und Verbänden, die sich zugunsten des Selbert-Antrags und
für die Durchsetzung der staatlichen, rechtlichen, wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen aussprachen. Auch Presse und
Rundfunk kritisierten den vorliegenden Entwurf. Eine der Ursachen für die
positive öffentliche Einstellung zur Gleichberechtigung lag sicher in dem
Stellenwert, die Frauenarbeit in der Nachkriegsaufbauphase hatte.
Der
Gleichberechtigungsartikel im Grundgesetz führte jedoch nicht zur
Gleichberechtigung in der Gesellschaft oder den politischen Gremien. Erst am
14. November 1961 wurde mit Elisabeth Schwarzhaupt erstmals eine Frau als
Ministerin im Bundestag vereidigt – gegen den erklärten Willen von Kanzler
Adenauer. Wie wenig er von von dieser Personalie hielt, ließ Adenauer die
Ministerin deutlich merken. Die Kabinettssitzungen eröffnete er weiterhin mit
den Worten: "Morjen, meine Herren". Als sich Elisabeth Schwarzhaupt
dagegen wehrte, antwortete der Kanzler: "In diesem Kreis sind auch Sie ein
Herr."
… und es dauerte
bis in die 1970er Jahre, bis sich die Gleichberechtigung im Bürgerlichen
Gesetzbuch niederschlug. . So konnte der Ehemann als gesetzlich definierter
„Haushaltsvorstand“ bis in die 1970er Jahre verbindliche Entscheidungen alleine
treffen. Bis 1962 durften Frauen ohne Zustimmung des Mannes kein eigenes
Bankkonto eröffnen und darüber verfügen. Noch bis 1977 schrieb das Bürgerliche
Gesetzbuch vor, dass eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemanns für die eigene
Berufstätigkeit brauchte. Auch wenn er es erlaubte, verwaltete er ihren Lohn.
Juristisch war
das im § 1356 BGB geregelt, der von 1958 bis 1977 folgendermaßen lautete: „[1]
Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt,
erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie
vereinbar ist.“[3]
1977 wurde der
Paragraph geändert zum „paritätischen Ehemodell“. § 1356 BGB lautet: „Die Ehegatten
regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen. […] Beide Ehegatten
sind berechtigt, erwerbstätig zu sein.“
2017 nun gibt es
eine Bundeskanzlerin, Frauen stellen sechs der 15 Ministerien: Wirtschaft und
Energie (BMWi), Arbeit und Soziales (BMAS), Verteidigung (BMVg), Familie,
Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (BMUB) sowie Bildung und Forschung (BMBF). In den vier
Bundesländer: Saarland, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Nordrhein-Westfalen regieren
Ministerpräsidentinnen. Die 50 % Quote ist noch nicht erreicht, aber der
Frauenanteil in der Politik ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich
gestiegen.
… und zum guten
Schluss bunt durcheinander noch ein paar weitere Lichtstreifen am Horizont:
-
Frauen stellen 50
Prozent der bestverdienenden Autor/innen. Veronica Roth liegt auf Platz 3.
(https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200022/umfrage/schriftsteller-mit-den-hoechsten-einnahmen-weltweit/)
-
In 2017 kommen
mehrere Filme aus Hollywood, die starke weibliche Heldinnen zeigen (Star Wars,
der wunderbare Hidden Figures, Wonder Woman)
-
Thor und Iron-Man
der Marvel-Comics sind inzwischen Frauen, allerdings lassen die Kostüme immer
noch zu wünschen übrig
-
In der 18.
Wahlperiode liegt der Frauenanteil im Bundestag bei 36,5 % - und damit so hoch
wie nie
-
….
Welche Erfolge
fallen euch ein?
Lesetipps
Zwei
Rollentausch-Klassiker
Gert
Brantenberg: Die Töchter Egalias
Esme Dodderidge:
Eine höchst bequeme Vermessenheit der Frauen (im Original heißt der Roman viel
treffender: The New Gulliver or, The Adventures of Lemuel Gulliver Jr in
Capovolta)
Y: The Last Man
von Brian K. Vaughan – Ein Virus rottet mit Ausnahme eines Mannes namens Yorick
Brown und seines Kapuzineräffchens alle männlichen Wesen aus. Yorick macht sich
auf die Suche nach seiner Verlobten und entdeckt eine Welt, in der Supermodels
als Müllfahrerinnen arbeiten, nur noch wenige Transportmittel vorhanden sind
und alte Strukturen zusammenbrechen.

Ein schöner Artikel, wenn auch das, was den "Hausvorstand" angeht, nur für Westdeutschland gültig ist. In der ehemaligen DDR waren wir Frauen schon weiter. :-)
AntwortenLöschenLG
Monika
(y) ja wo fängt man an und wo hört man auf? Ost und West waren in vielen Dingen unterschiedlich, wobei der Osten in manchen weit voraus war
LöschenDanke für deinen Kommentar
LG HANNE
Ein wirklich schöner und sehr wichtiger Post. Vielen Dank dafür!
AntwortenLöschenFür mich ist es immer noch unglaublich, welche Einschränkungen es für Frauen vor meiner Geburt auch hier in Deutschland gab.
Aber auch heute gibt es noch sehr viel zu tun, umso wichtiger ist es, dass man darüber spricht.
Viele liebe Grüße
Katrin
Liebe Katrin,
Löschenda gebe ich dir recht, es muss noch mehr darüber gesprochen werden. Wenn ich daran denke, was es damals für einen Aufstand zur Pille gab und zum §218. Ich bin ja das ältere Semester und habe vieles miterlebt. An vieles erinnere ich mich leider nicht mehr so, was ich selbst erlebt habe, aber deswegen bin ich auch froh, diese Bücher zu haben.
Liebe Grüße Hanne