In den Büchern liegt die Seele aller gewesenen Zeit. (Thomas Carlyle)

Freitag, 22. Dezember 2017

Weihnachtswoche ~ Freitag - nur noch zwei Mal schlafen ☺

Heute habe ich ein Märchen für euch.

Kaffeekanne und Milchkanne

Unbekannter Autor


Es war einmal eine alte dicke Köchin, die hatte ihre Küche aufs allersauberste gescheuert und geputzt und stand nun und schaute sich ringsum und freute sich über das weiße Porzellan, das blitzende Kupfergeschirr und die blinkenden Gläser, was sie alles in guter Ordnung rings an den Wänden aufgestellt hatte.
Zuletzt holte sie noch ein Sieb des allerfeinsten weißen Sandes und siebte ihn über den steinernen Fußboden und meinte nun, keine Putzstube sei so schön wie ihre Küche.

Sie war aber müde geworden über der Arbeit, und nachdem sie die Kohlen auf dem Herde angeschürt, dass der blitzblank gescheuerte kupferne Wasserkessel rot zu glühen schien und auch alsbald anfing zu singen, und einen großen eisernen Fleischtopf näher zum Feuer gerückt hatte, schob sie die Ofenbank an den Herd und setzte sich, um Kartoffeln zu schälen, zur Abendsuppe.

Jetzt war alles ganz still in der Küche, nur die Kohlen knisterten, einige Fliegen summten um den warmen Herd, und leise hörte man etwas schaben und schnarpen, das Kartoffelschälen der Köchin. Sie musste sehr müde sein, denn wie sie so saß und schälte, hatte sie Mühe, die Augen offen zu halten. Anfangs schälte sie dünn und fein, wie es einer sparsamen Köchin zukommt, zumal in Jahren, wo die Kartoffen nicht geraten und sehr teuer sind. Bald aber wurde das Schälen immer dicker, ja sie schnitt, indem sie anfing einzunicken, große Stücke weg.

Endlich lehnte sie sich zurück an die Wand, die Hände sanken ihr in den Schoß, die halbgeschälte Kartoffel rollte in die Küche, und die Gedanken vergingen ihr. Da hörte sie plötzlich ein Geräusch wie von einer feinen Stimme, und wie sie mit den müden Augen aufblinzelte, sah und hörte sie, wie gegenüber auf einem Schüsselbrett in der Höhe die große weiß porzellanene Kaffeekanne mit der daneben stehenden Milchkanne flüsterte.

„Es ist ein schlechtes Leben“, sagte die Kaffeekanne zur Milchkanne, „so alle Tage Kaffee und nichts wie Kaffee; immer nur trinken, gar nichts zu essen.“
„Das ist wahr“, antwortete die Milchkanne; „Milch und immer nur Milch, die ewig laue blaue Milch; mir ist oft so flau, so flau.“
„Wie wäre es“, sagte die Kaffeekanne, „wenn wir uns selbst einmal etwas anderes verschafften? Ich werde mir da unten ein Stück Rehbraten holen.“
„Und ich werde mir ein Würstchen nehmen“, sagte die Milchkanne.

Das hörte der alte Fleischtopf, der über dem Feuer stand, hob langsam die Blechstürze in  die Höhe, mit dem er zugedeckt war, blies den Dampf von sich, brodelte, quabberte, stöhnte und sagte zu den beiden, indem seine Blechhaube von Zeit zu Zeit wieder zufiel: „Das lasst sein! Das ist gegen die Küchenordnung! Das wird nichts Gutes! Habe auch nichts als Fleisch und Wasser jahraus, jahrein! Muss mich begnügen! Bin alt geworden dabei! Lasst das lieber sein!“

„Ei was“, sagte hitzig die Kaffeekanne, „mir gefällt eben die Küchenordnung nicht; du hast gut reden; mit Fleisch und Fleischbrühe kann man schon eher auskommen als mit bloßem Kaffee.“
Die Milchkanne war eigentlich bescheiden von Natur und mochte wohl denken, dass der alte Brodler am Ende recht haben könne; daher sagte sie zur Kaffeekanne: „Wir wollen es doch lieber lassen.“

Die aber machte sich auf ihren zierlichen drei Füßchen behände vom Brett herunter, lief zum Rehbraten und hackte sich ein Stück mit ihrem langen Schnabel davon ab; dann nahm sie säuberlich ihr Deckelmützchen ab, steckte den Braten oben hinein, setzte das Mützchen wieder auf und stieg auf ihr Brett zurück.

„So“, sagte sie, „wenn nun die Köchin Kaffee eingießt, habe ich Kaffee, Fleisch und Fleischbrühe, alles zusammen.“
Da die Milchkanne sah, dass alles so gut abging, machte sie sich auch auf ihre Füßchen, kam herab, steckte sich ein Würstchen ein, kletterte wieder auf ihr Brett und sagte: „Wenn nun die Köchin Milch einschenkt, so habe ich Milch, Wurst und Wurstsuppe, alles zusammen.“

Der alte Fleischtopf am Feuer aber hob noch einmal seine Blechhaube, blies den Dampf von sich, brodelte und quabberte: „Wohl bekomm’s!“
Die ganze Küchenwirtschaft war indes aufmerksam geworden. Die Teller auf dem Tellerbrett rollten zueinander und fragen einer den anderen geheimnisvoll, was nur daraus werden solle, dass die Kannen Wurst und Braten genommen, und die reinen blanken Gläser klangen zusammen und sprachen mit hellem Tone, dass es Unrecht sei von den Kannen, und die Löffel ließen auch ihre Silberstimme hören und meinten, das könne nicht gut enden und der alte Topf werde wohl recht behalten. Die blechernen Pfannen, Schüsseln und Schaufeln aber, die alle Tage etwas anderes zu lecken und zu schmecken bekommen, schrien, lärmten und sprachen, sie könnten es den Kannen nicht verdenken, dass sie sich nicht begnügen wollten mit Kaffee und Milch.

Da blies der blitzblank gescheuerte Wasserkessel seine glühenden Backen auf und machte bsch -----, und in demselben Augenblicke ward die Küchentür aufgemacht, der Küchenjunge trat herein und schlug die Tür hinter sich zu, dass die Fenster klirrten und klappten. Die dicke Köchin fuhr erschrocken auf, rieb sich die Augen und sah sich aufmerksam um; sie wusste nicht gleich, ob sie geträumte habe, oder ob das alles mit den Kannen und dem Topfe sich wirklich begeben hatte. Aber die Kannen und alles Geschirr stand ruhig an seinem Platze, nur einiges Blechzeug baumelte von der Erschütterung des Türzuschlagens an den Nägeln hin und her, der Fleischtopf brodelte, und der blitzblank gescheuerte Wasserkessel ließ aus seinem langen gebogenen Halse das überkochende Wasser in die Kohlen laufen, dass es laut zischte.

„Was einem doch für wunderliche Dinge begegnen“, sagte die Köchin zum Küchenjungen und erzählte ihm, was sie eben gesehen und gehört.
„Dummer Schnack“, sagte der Junge. „Ihr habt geträumt; das kommt von eurem vielen Kaffeetrinken; der Kaffee macht dickes Blut und schläfrig, und da bekommt man solche verrückten Träume.“

Die Köchin war auch fest überzeugt, dass sie geträumt habe, denn wenn sie auf die dicken Kartoffelschalen sah, die sie geschnitten hatte, so wusste sie wohl, dass sie das nur im halben Schlafe gemacht haben könne. Sie schälte nun eifrig, bis sie fertig war, kochte die Suppe, sah hier und da zum Rechten und trieb allerhand Geschäfte in der Küche und im Hausflur. Als sie nun des Abends die Suppe angerichtet hatte, wollte sie auch Rehbraten und Wurst in Scheiben schneiden und auf einen Teller legen, aber siehe, da fehlte ein Stück Braten und eine Wurst.

Unwillkürlich sah die Köchin in die Höhe nach den Kannen, aber die standen glänzend weiß und unschuldig ruhig auf ihrem Brette.
„Dummes Zeug“, sagte die Köchin laut für sich. „Ich habe ja geträumt; das ist gewiss die Katze gewesen, die soll schon ihre Prügel noch kriegen.“
Sie schnitt nun Braten und Wurst in sehr dünne Scheiben, denn es war nur noch wenig und sie musste doch einen Teller voll davon belegen können, sonst fürchtete sie das Schelten der Hausfrau.

Während sie nun so ihre Geschäfte trieb, flüsterte die Milchkanne der Kaffeekanne zu: „Wir wollen es doch gestehen, sonst bekommt die Katze Schläge.“
„Ach was“, antwortete die Kaffeekanne, „das ist der Katze schon recht; hat sie jetzt nicht genascht, hat sie es doch oft genug getan, wo eine andere Katze für sie die Strafe hat leiden müssen; da kann sie heute die Schläge dafür bekommen.“

Indem kam die Katze miauend hinter dem Herde vor, wo sie versteckt geschlafen hatte; der Bratenduft mochte sie geweckt haben, und die Köchin, die nicht wusste, wie sie mit den dünnen Braten- und Wurstscheiben den Teller bedecken sollte, überkam der Zorn und sie packte die Katze beim Felle, hielt sie mit der Nase an den Braten und sagte, indem sie tüchtig auf sie losschlug:
„Du naschiges Tier, das bist du gewesen, ich will dich lehren, mir den Braten stehen zu lassen; Mäuse sollst du fangen, aber nicht Würste fortschleppen.“

Die Katze riss sich endlich los, sprang über den Küchentisch, warf eine schöne Tasse herab und fuhr in der Angst durch eine Fensterscheibe in den Garten hinaus, dass die Scherben klirrten und klingelten.

Da kam die Hausfrau herbei und fragte nach der Ursache des Lärmes und was es denn nur gebe.
Und wie sie die zerbrochene Tasse auf der Erde liegen sah, ward sie sehr böse auf die Köchin. Die aber entschuldigte sich und sagte, die Katze sei es gewesen und sie habe auch das Fleisch und die Wurst gefressen.
„Ach“, erwiderte die Frau voller Ärger, „die Katze soll es immer gewesen die, die Katze soll alles getan haben; aber ich glaube dir nicht mehr, und du sollst nun einmal die Tasse bezahlen und das Fenster dazu.“

Das war ein Schrecken für die Köchin, denn die Tasse war fein gemalt und vergoldet gewesen und hatte gewiss viel Geld gekostet. Verdrießlich bückte sie sich, die Scherben zusammenzulesen, und holte den Besen, um die vielen Porzellansplitter zusammenzukehren.
Da sagte die Milchkanne leise zur Kaffeekanne: „Wir müssen es jetzt gestehen, sonst hat die arme Köchin den Schaden zu bezahlen.“
„Ei was“, erwiderte die Kaffeekanne, „die Köchin hat oft genug genascht und hat gesagt, die Katze sei es gewesen, und die hat unschuldig Schläge bekommen; nun mag sie einmal die Strafe für die Katze leiden.“

Als die Köchin die Scherben zusammengekehrt hatte und sich wieder in die Höhe richtete, traf ihr Blick zufällig auf die Kannen, und war es nun wirklich so, oder flirrte es ihr vor den Augen vom langen Bücken, aber sie glaubte es ganz deutlich zu sehen, wie der Schlangenkopf am langen Schnabel der Kaffeekanne sich bewegte. Sie dachte an ihren wunderlichen Traum und wollte eben auf den Tisch steigen, um sich die Kannen noch einmal recht in der Nähe zu besehen, als die Hausfrau klingelte und sie dadurch zu sich rief, um mit ihr allerhand zu besprechen wegen des morgigen Mittagessens und der Gäste, welche erwartet wurden.

Die Köchin bekam allerlei Aufträge und vergaß darüber gänzlich ihren Traum und die wunderlichen Kannen, ja als des anderen Tages die Hausfrau nach aufgehobener Tafel eilig den Kaffee verlangte, war die Köchin so in der Hast, dass sie Kaffee und Sahne in die Kannen goss, ohne vorher hineinzusehen.
Da blieb denn Braten und Wurst darin und Kaffee und Sahne nahmen einen Geschmack davon an.

Die Hausfrau schenkte den Kaffee ein, die Gäste langten zu, aber jede setzte alsbald still die Tasse wieder hin, ohne zu trinken. „Warum trinken Sie denn nicht?“ fragte die Hausfrau die Gäste.
Jeder aber hatte eine Entschuldigung; dem einen war der Kaffee noch zu heiß, dem anderen war er zu stark, dem dritten war er vom Arzt verboten.
Zuletzt schenkte die Frau ihrem kleinen Töchterchen ein; die schnitt bald ein garstiges Gesichtchen und sagte: „Pfui Mama, wie schmeckt denn der Kaffee?“
Da ward die Frau aufmerksam und kostete Kaffee und Sahne und bekam keinen geringen Schreck über das Getränk, das sie ihren Gästen vorgesetzt hatte. Zornig lief sie mit den Kannen in die Küche und die Köchin bekam eine tüchtige Lektion, dass sie so schlechten Kaffee gemacht, oder vielmehr, dass sie die Kannen nicht reinlich halte, dass der Kaffee davon übel schmeckte.

Die Köchin hingegen beschwor es so hoch und teuer, dass sie noch gestern die Kannen mit brühend heißem Wasser ausgewaschen, und sie seien gewiss ganz rein gewesen. Die Hausfrau aber ward ganz aufgebracht und drohte die Köchin fortzuschicken, wenn sie sich noch länger verantworte, denn es sei ja doch ihre Schuld, dass der Kaffee schlecht sei.

Während nun die Frau in die Speisekammer ging, um neuen Kaffee zum Kochen herauszugeben, und die Köchin noch ganz verblüfft dastand und sich es nicht erklären konnte, warum der Kaffee schlecht sei, flüsterte die Milchkanne der Kaffeekanne zu: „Nun müssen wir es doch sagen!“
„Ich glaube gar“, antwortete die, „hat uns auch diesmal die Köchin rein gewaschen, hat sie es doch oft genug nicht getan; da bekommt sie heute nur die Schelte für früheres Unrecht.“
Die Köchin hatte zwar nichts gehört von der leisen Rede der beiden Kannen, aber als sie an Kaffee und Sahne roch, fiel ihr sogleich ihr gestriger Traum wieder ein, denn eines roch nach Wildbret, das andere nach Geräuchertem, und als sie nun die Kannen ausgoss und Wurst und Braten darin fand, blieb sie mit den Kannen in der Hand vor Erstaunen wie angewurzelt stehen.

Plötzlich aber wusste sie, woran sie war, und rief die Hausfrau herbei und sagte weinend vor Ärger und Zorn: „Nun sehen Sie! Das kann ich doch nicht gewesen sein, das hat gewiss der Küchenjunge getan, der Schlingel, der hat mir den Schabernack gespielt. Ich habe ihm gestern meinen Traum erzählt,  dass die Kannen sich Braten und Wurst geholt hätten, da hat er selbst Braten und Wurst in die Kannen gesteckt, um mich zu foppen. Ja, ja, Sie können es glaube, er ist es gewesen, der …“

Und die Köchin hob die Faust, als wollte sie dem Jungen zu Leibe gehen, wenn er nur da wäre.
Die Hausfrau rief nun den  Küchenjungen herbei und schalt ihn aus wegen seines albernen Spaßes, den er gemacht; der aber war grob und sagte, er sei es gar nicht gewesen und die Köchin wolle nur ewig etwas auf ihn bringen.
Da gab es einen argen Lärm; die Frau schalt, die Köchin schimpfte, der Junge ward immer gröber, und der Milchkanne ward es angst und bange dabei, und sie sprach zur Kaffeekanne:
„Höre, nun müssen wir gestehen, sonst wird die Sache schlimm.“
Aber die Kaffeekanne erwiderte: „Was geht das uns an? Ist der Junge heute außer Schuld, hat er der Köchin doch oft genug einen Possen gespielt und ist leer ausgegangen; da kann er nun jetzt die Strafe dafür leiden, und die Frau kann die Grobheiten auch einmal hinnehmen, da sie oft den Dienstleuten Unrecht tut in der Hitze.“

Über allem Streiten, Zanken und Lärmen hörte keines die leise Rede der beiden Kannen, und die Köchin, welche das hartnäckige Leugnen des Jungen verdross, ward zuletzt wütend und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige, worauf dieser ihr erbost die Kaffeekanne aus der Hand riss und an den Kopf schleuderte, dass ihr alsbald das Blut über das Gesicht lief, die Kanne in Scherben zerbrach und der noch übrige Kaffee der Hausfrau auf ihr neues Kleid spritzte.
Der Junge lief davon, Frau und Köchin schrien ihm Ach und Weh nach; die eine über ihren Kopf, die andere über ihr Kleid.

Als nun die Frau ging, ihr Kleid zu reinigen, und die Köchin in ihrer Kammer sich das Blut abwusch, war es in der Küche so still, als wäre gar nichts vorgefallen, und der alte Fleischtopf, der wieder am Feuer stand und brodelte, hob  langsam seine Blechstürze in die Höhe, blies Wolken von Dampf von sich und sagte zur Milchkanne: „Ich habe es doch vorhergesagt, aus der Unordnung kommt nichts Gutes.“

„Nun“, sagte die Milchkanne, „sie hatten es ja doch alle verdient, was sie betroffen hat, wenn auch nicht gerade heute; das ist aber einerlei.“
„Wirst auch noch deine Strafe bekommen, wenn auch nicht gerade heute, das ist aber einerlei“, brodelte der alte Fleischtopf.

Und es dauerte auch wirklich nicht lange, da kam die Köchin mit verbundenem Kopfe, stellte sich ans Aufwaschfass und fing an aufzuwaschen und nahm die Milchkanne und scheuerte sie mit Sand und Seife aus, dass es ihr weh tat. Sie bekam nun längere Zeit nicht einmal mehr Milch, denn sooft die Köchin welche hineingoss, nahm sie einen unangenehmen Rauchgeschmack an, und die Köchin nahm die Kanne abermals und scheuerte sie, dass sie ächzte und quietschte.

Diese Geschichte erzählte der alte Fleischtopf, wenn er so still über dem Feuer brodelte, allen Kannen, welche später noch in die Küche kamen, zur wohlgemeinten Warnung, sich nichts gelüsten zu lassen, was ihnen nicht zukäme.
Wahrscheinlich haben sich es alle zu Herzen genommen, wenigstens hat man nie wieder gehört, dass eine Kaffeekanne nach Braten oder eine Milchkanne nach Wurst gegangen wäre

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